Artikel aus der
taz
09. Februar 2008



stadtentwicklung
Böser Investor will fair handeln
Im Konflikt um die Zukunft des RAW-Tempels in Friedrichshain
stehen die Zeichen auf Entspannung: Der Eigentümer plant ein
alternatives Viertel. Die Nutzer sind vorsichtig optimistisch.
VON SEBASTIAN HEISER

Einzelhandel mit dem Schwerpunkt auf Bio und Fair Trade, eine
Kunsthalle mit günstigem Arbeitsraum für Kreative, Neubauten für
generationenübergreifendes Wohnen, autofrei soll das Gelände bleiben
und die Gebäude sollen mit Geothermie umweltschonend beheizt werden
- sieht so ein böser Investor aus?

Der neue Eigentümer des rund sieben Hektar großen ehemaligen
Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) zwischen Warschauer Brücke
und Revaler Straße in Friedrichshain will auf dem größtenteils
brachliegenden Gelände ein neues alternatives Viertel errichten. Am
Mittwoch stellte Moritz Müller als Beauftragter des Investors den
Verordneten des Stadtplanungsausschusses des Bezirkes bei einem
Ortstermin auf dem Gelände die Pläne vor. Er machte zugleich deutlich,
dass die Planungen erst ganz am Anfang stünden. Mit dem Umbau soll
nicht vor dem Jahr 2010 begonnen werden. "Ich kann mir im Moment
alles vorstellen", sagte Müller.
Rund 250 Personen waren als Gäste zur Ausschusssitzung gekommen, viele von ihnen gehören derzeit schon zu den Nutzern des Geländes. Die
meisten waren überrascht: So böse scheint der böse Investor doch nicht zu sein.

Nachdem das Werk 1994 den Betrieb eingestellt hatte, hatten
soziokulturelle Initiativen vor allem die leer stehenden Gebäude am
Nordrand des Geländes in Beschlag genommen. Das Angebot an Kultur
und Sport, Partys und Bars, der Skaterhalle und dem zum Kletterturm
umfunktionierten Bunker zieht bis heute viele Besucher an.
Diese Nutzer fürchteten Schlimmes, als die bundeseigene
Immobiliengesellschaft Vivico das Grundstück im vergangenen Jahr
verkaufte. Neuer Eigentümer wurde die R.E.D. Berlin, eine Gesellschaft
im Besitz der isländischen Kapital North EHF und der R.E.D. Holding
Deutschland. Die Nutzer befürchteten, dass die erhaltenen Gebäude
zerstört werden und Supermärkte auf das Gelände kommen.
Nachdem der Investor nun ganz andere Pläne vorgestellt hat und auch
seine Kooperationsbereitschaft betont hat, macht sich Zuversicht breit.
"Es ist alles passiert, was ich mir für heute erhofft hatte", sagt Raimund
Reintjes vom Verein RAW-Tempel, einem der größten Nutzer auf dem
Gelände.

Dennoch bleiben bei den Nutzern Zweifel. Schließlich hatte der Investor
in den vergangenen Monaten für Verwirrung gesorgt, als er zum Beispiel
mit den Nutzern einzeln über eine Verlängerung der Mietverträge
verhandelte, anstatt eine Gesamtlösung für alle anzustreben. Die
Überraschung über die Präsentation des Investors stand vielen im
Gesicht geschrieben.
Vonseiten des neuen Eigentümers heißt es nun, es sei da wohl anfangs
zu Anlaufschwierigkeiten und Missverständnissen gekommen - nun gelte
es, nach vorne zu schauen.
Zwei Konflikte deuten sich bereits an: Die Skater sollen nach den
Wünschen des Investors in eine dann neu zu bauende Halle umziehen.
Auch der Kletterbunker soll weichen. Die Nutzer wollen dagegen die
historischen Gebäude erhalten.

Die Bezirksverordneten von SPD und Grünen kündigten an, die weitere
Planung kritisch zu begleiten. Die derzeitigen Nutzer dürften nicht
vertrieben werden. Der Investor ist auf einen Bebauungsplan des
Bezirkes angewiesen, um seine Pläne umzusetzen. Hier liegt der Hebel
für den Bezirk in den weiteren Verhandlungen. Bezirksbürgermeister
Franz Schulz (Grüne) sagte, er sei "optimistisch, dass es gelingt, die
Interessengegensätze im Rahmen des Prozesses einvernehmlich
aufzulösen". Noch im Februar wird sich erstmals eine Arbeitsgruppe,
bestehend aus Bezirksvertretern, Investor und Nutzern, treffen.
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