| Artikel aus Neues Deutschland 23. Juni 2008 |
![]() Aus der Mitte an den Rand Kulturprojekte auf dem RAW-Gelände wehren sich gegen Vertreibung durch Investorengruppe Von Christoph Villinger
»Wir sind gekommen, um zu bleiben!« Unter diesem Motto demonstrierten gestern gut 300 Freunde des RAW-Geländes durch den Friedrichshainer Kiez in der Nähe der Warschauer Brücke. An der »bunten Demonstration der Kreativität« beteiligten sich neben den Clowns und Artisten, die auf dem Gelände auftreten, auch viele Jugendliche mit ihren Skater-Brettern. »Hinter dem RAW-Gelände steht ein ganzes Milieu«, betonte dazu Michael Rostalski von der Nachbarschaftsinitiative »Ideenaufruf«. Er befürchtet, dass viele Anwohner erst auf die aktuelle Bedrohung des Kulturgeländes reagieren »wenn die ersten Häuser abgerissen werden«. Wie berichtet, hatten vor wenigen Tagen die Vertreter der im »Revaler 5eck e.V.« zusammengeschlossenen Nutzer des RAW-Geländes empört eine Arbeitsgruppe mit den Vertretern der Investoren R.E.D. Development GmbH verlassen. »Sie wollen uns aus der Mitte des Geländes an den Rand verdrängen«, berichtet Tobias Freitag von der vor allem bei den Jugendlichen aus der Nachbarschaft sehr beliebten Skaterhalle. So tauchen in den bei der Arbeitsgruppe vorgelegten Plänen der Investoren einzelne Projekte gar nicht mehr auf, die vier Gebäude des RAW-Tempels sollen quasi eingemauert und durch eine Zufahrt geteilt werden. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne), der die Treffen moderiert, kann den Ärger nachvollziehen. »Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um bei den Verhandlungen mit den Investoren mal auf den Putz zu hauen«, sagte er gegenüber ND. Seit 1998 nutzen Anwohner und knapp hundert Gruppen mit sozialen, kulturellen und gewerblichen Interessen die rund 65 000 Quadratmeter des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes »Franz Stenzer«. Jährlich besuchen rund 350 000 Menschen das Gelände, auf dem in den letzten Jahren rund 130 Existenzen, Arbeits- und Ausbildungsplätze entstanden. »Hier kann man eine Stadtentwicklung von unten ausprobieren, weil die Voraussetzungen günstig sind und die Menschen hier das wollen«, betonte Franz Schulz auf der Abschlusskundgebung. Doch gleichzeitig sollen andere Teile des Geländes von einem kommerziellen Investor entwickelt werden, unter anderem ist am Fuß zur Warschauer Brücke ein Einkaufszentrum und am Südrand entlang der Eisenbahn eine kompakte Wohnbebauung geplant. »Hier trifft das globale Finanzsystem auf lokale Strukturen, hier werden die Konflikte sichtbar«, sagt dazu Michael Rostalski vom »Ideenaufruf«. Im Sommer 2007 hatte die R.E.D., hinter der ein isländischer Immobilienfonds steht, das gesamte Gelände von der Immobilien-Verwertungsgesellschaft der Bahn AG für rund drei Millionen Euro gekauft. Nun bieten sie dem RAW-Tempel sein Teilstück, das gerade mal ein Zehntel der Gesamtfläche ausmacht, für zwei Millionen Euro zum Kauf an. Empört weist Andrea Taba, Sprecherin der Nutzer, dieses Ansinnen der Investoren zurück. »Die tun so, als hätten sie bereits Baurecht«, sagt sie und verweist damit auf ihre größte Trumpfkarte. So forderte auch der Architekt Axel Volkmann auf der Kundgebung den Bezirk auf, »über das Baugesetz den Projekten einen Schutz zu bieten«. Diese fordern nun einen Bestandsschutz für alle Projekte »da wo sie sind«. Gleichzeitig ahnt auch Andrea Taba, dass um eine Aufteilung des Geländes und den Kauf zur Zeit kein Weg herumführt. Deshalb ist sie schon »mit mehreren Stiftungen im Gespräch, um über eine Erbpachtregelung zu verhandeln«. »Es wird ein sehr schwieriger Kraftakt, all diese unterschiedlichen Menschen auf einen Punkt zu bringen, um einen Kauf durchzuziehen«, sagt dazu die ebenfalls auf dem Gelände aktive Künstlerin Beate Jorek. Doch Moderator Franz Schulz gibt sich optimistisch: »Schon in zehn Tagen findet das nächste Gespräch nach dem Knall statt«. |